Gedanken im November

Es ist nicht besonders kalt, aber nass. Immerzu nass. Ich mag das nicht. Klar freue ich mich, wenn morgens das Stallteam mit Chef Hubertus antritt, die Boxentür aufgeht und mir das Halfter übergestreift wird. Aber die Zeit der schönen, grünen Weiden ist vorbei, leider . . . Sie bringen uns auf die Winterkoppel. Uns, das bin ich und etwa achtzehn stutige Artgenossen.Wer Glück hat, ist als eine der ersten da. Glück habe ich immer dann, wenn kein Alltag, sondern dieses von den Menschen sogenannte Wochenende ist. Denn dann bringt sie mich selbst raus. Ihr wisst ja inzwischen, wer sie ist. Und dann kann ich mir einen Selagehaufen aussuchen und erst einmal den ärgsten Hunger stillen, ohne dass mir gesagt wird, ich solle mich zum Teufel scheren. Bis alle Stuten da sind, dauert es eine Weile. Ja, das Leben könnte so schön sein, wenn es nicht diese Überstuten gäbe, die immer wieder ihre Macht demonstrieren müssen. Ich zweifele sie doch gar nicht an! Es nervt schon, zig mal genötigt zu werden, sich einen neuen Fresshaufen zu suchen. Im Moment geht mir aber auch - wie bereits gesagt - dieser ewige Regen auf den Stuten-Keks. Besonders dann, wenn alles aufgefressen ist. Man sucht sich zwar noch ein paar Grashalme, aber die werden immer spärlicher. Irgenwann zur Mittagszeit stehen wir alle im vorderen Bereich in Tornähe im Matsch. Kehrseite gegen den Wind, Kopf nach unten, und warten. Holen sie uns endlich rein? Man hat doch schon wieder Hunger! Manchmal sehe ich SIE dann auf einmal den Weg entlang kommen. Hach, dann freu ich mich so, dass ich ihr gleich leise etwas zurufe und ihr entgegen laufe! Ich will zu ihr! Aber die anderen lassen mich nicht. Und ich habe Angst vor den anderen, große Angst. Sie geht und ich muss warten. Aber ich weiß, gleich kommt sie zurück mit ein paar anderen Menschen und dann darf ich zu ihr und kriege eine Karotte. Sie nimmt mich mit in den Stall, es gibt Hafer und ich werde langsam trocken. So ist das im November . . . Keine tolle Stutenzeit.

Winter-Überraschung

Der Regen ist kälter geworden. An manchen Tagen platscht es in dicken Tropfen Stunde um Stunde auf das Stalldach. Dann lässt man uns erst gar nicht raus. Etwas Merkwürdiges ist passiert. Sie und ich, wir haben zusammen in der Halle Reitunterricht bei Hubertus gehabt. Hinterher bin ich müde. Ich stehe also mit halbzuen Augen auf der Stallgasse und lausche dem Klang ihrer Stimme. Irgendwas erzählt sie ja immer. Ist auch ganz nett, habe ich nichts dagegen. Hufe sind schon fertig, abgesattelt sowieso. Meine Box hat sie auch schon schön zum Schlafen gerichtet; eigentlich könnte ich jetzt rein und meine Möhren essen. Da kommt sie, hat etwas über dem Arm hängen, und sagt: “So Diana, nun wollen wir dir mal eine schöne Decke anprobieren.” Decke? Wie jetzt? Muss ich das verstehen? Ich öffne die Augen schnell wieder richtig und schnuppere an einem komischen Stoff, der nicht besonders gut riecht. Schwuppdiwupp, ehe ich einen Kommentar dazu abgeben kann, hat sie das Ding auf meinen Rücken gelegt. Ich gehe zwei Schritte rückwärts. Man weiß ja nie . . . Sie löst den Haken vom Halfter und sagt: “Steh, Diana!” Ich möchte gar nicht, mir ist das nicht geheuer. Sie schiebt mir ‘ne Karotte ins Maul und zupft an dem Teil, das da auf mir liegt, herum. Vor der Brust schließt sie zwei Riemen, unterm Bauch werden irgendwelche Gurte hergeführt. Nun, es beißt nicht, es tritt nicht, es tut mir sonst nichts. Wenn sie unbedingt will, dass ich sowas trage - o.k. Einfälle haben diese Menschen! So habe ich gedacht an diesem Abend. Am nächsten Morgen bin ich auf die Koppel wie immer, nee nicht ganz, diesmal bekleidet. Laufen geht, fressen geht, sogar wälzen klappt! Das Ding macht alles mit. Und dann kommt mal wieder der große Regen. Ein dicker Schauer. Wisst ihr, was passiert? Die Tropfen fallen auf mich, aber ich bleibe trocken. Pulvertrocken. Es ist kaum zu glauben! Ich bin zutiefst beeindruckt. Als sie abends gekommen ist, hätte ich ihr gerne erzählt, wie erstaunt ich gewesen bin. Nur, mit der Kommunikation hapert’s in dieser Hinsicht zwischen uns. Sie hat den Regenkiller von mir herunter genommen und gesagt: “Da ist wirklich nichts durch gegangen.”Das hat sich verwundert angehört. Wahrscheinlich hat sie genau wie ich nicht gewusst, welch wundersame Eigenschaften dieses Ding besitzt.

Verliebt

Es ist etwas mit mir geschehen, was ich selbst nicht so richtig verstehe. Begonnen hat es damit, dass Raphaela auszog. Was ich nicht besonders bedauert habe. ,Eine dieser Powerstuten weniger’, dachte ich. Das Abschiedswiehern sparte ich mir, wäre nur geheuchelt gewesen. Ein paar Tage später hörte ich, es gäbe einen Neuen. Queenie, die auf den Schmied warten musste und deshalb nicht früh morgens mit uns auf die Stutenkoppel gehen konnte, hatte ihn gesehen. Er wurde an ihrer Box vorbei zum Auslauf geführt. “Und?” fragte ich sie. “Ach, der ist noch nicht ganz trocken hinter den Ohren.” “Wie sieht er denn aus?” Musste man ihr denn alles aus der Nase ziehen? “Mhh . . . Mein Geschmack ist er nicht, ich steh nicht auf Vollschlank.” Dann kam ihr Mensch und unterbrach unser Gespräch, das wir über den obersten Boxenbalken hinweg geführt hatten. Tags darauf passierte es. Ich stehe total entspannt auf der Gasse, denn SIE massiert gerade meine Ohren. Die Augen fallen mir beinahe zu und mein Kopf wird schwerer und schwerer. Und mitten in meine Mediationsphase platzt er - der Neue! Ich bin sofort hellwach. Er kommt von draußen, ist klatschnass, und ich trete zur Seite, damit sie ihn an mir vorbei führen können. Nur ein Stück von mir entfernt binden sie ihn fest. Eigentlich bin ich ja eine zurückhaltende Stute, aber eben doch Stute genug, um neugierig zu sein. Ich werfe ihm einen Blick zu. Genau in diesem Moment sieht er mich auch an. Das Sonderbare: Ich kann einfach nicht mehr wegschauen, es geht nicht. Seine dunklen Augen halten mich fest. Erst als SIE mich anspricht, gewinne ich die Fassung wieder. “Hey, Diana!” sagt sie. “Was ist los?” Was ist los? Was weiß ich denn, was los ist? “Geh mal rum, der Romario will in seine Box.” Ich tue ihr den Gefallen, muss ihm, dem Neuen, aber nun die Kruppe zudrehen, dabei habe ich doch bisher nur seine Augen gesehen - mehr nicht. Wie von selbst wende ich den Hals nach ihm, sehe seine kraftvolle Gestalt, sein schwarzes, dichtes Langhaar, sein rötlichgraues Fell. Und mir wird ganz komisch zu Mute. Ich erinnere mich an etwas, von dem ich nicht mal weiß, was es eigentlich ist. Ich sehe Bilder vor mir von langbeinigen Pferdekindern mit kurzen Schweifen und puschligem Haar, fühle ein kleines Maul an mein Euter stubsen, höre eine hohes, nur mir geltendes Wiehern . . . Und das alles hat mit ihm dort drüben zu tun. Dann gibt mir mein Mensch zu verstehen, dass ich mich wieder umdrehen könne und das tue ich gern, brauche ich doch so den Hals nicht mehr zu verdrehen. “Gefällt dir der kleine Hengst?” fragt sie da auf einmal. “Du hast ja ganz große Augen.” Ich schaue weg. Was denn? Wie denn? “Er ist aber eigentlich viel zu jung für dich,” redet sie weiter. “Noch nicht einmal zwei und auch viel kleiner als du. Na, das gäbe ‘ne Mischung - Kaltblut-Friesenmix-Hengst und Hannoveraner Stute!” Als sie den Sattel holen geht, spricht er mich leise an, dieser Hengst. Mir wird ganz anders. Dann muss er leider in seine Box. Ich werde gesattelt und komme auf andere Gedanken. Vorerst! Aus dem Kopf ist er mir seitdem nicht mehr gegangen . . .

Aufregung

Du lieber Himmel, heute war was los bei uns Stuten! Es ging richtig die Post ab. Wahrscheinlich liegt’s nur daran, dass wir allesamt auf den Frühling warten und auf das saftige Gras der Weiden. SIE sagt, es sei jetzt schon Mitte März und allzu lange würde es nicht mehr dauern, und vor ein paar Tagen konnte man das wirklich glauben, so warm schien die Sonne. Heute aber war’s wieder kalt. Unter uns auf der Koppel herrschte schon den ganzen Morgen diese merkwürdige Stimmung. Ein paar von den Überstuten ließen derart ihre Position raushängen, da konnte man die Stutenkrise kriegen. Am Nachmittag, als die Selage aufgefressen war, fingen dann die Jüngeren das Rennspiel an. Einmal die Koppel rauf bis zur Straße, einmal wieder runter bis zum Tor. Normalerweise halte ich mich bei solchen Spielchen zurück, man ist schließlich im gesetzteren Alter, und wenn dabei die Keilerei losgeht, kriegt man schnell etwas ab. Heute aber machten alle ohne Ausnahme mit. Die Menschen, die vorbei kamen, blieben stehen und schauten uns zu. Wir berauschten uns an unserer eigenen Geschwindigkeit, eine stachelte die andere auf, es donnerte nur so unter unseren Hufen. Nun ja, irgendwann hatten wir die Toberei beendet, standen da und prusteten die Luft aus. Und gerade da wurde Cheyenne, die kleine scheckige, die ‘ne Nette ist, gerufen. Sie galoppierte zum Tor. Wir wurden alle wieder wach, nahmen die Verfolgung auf, aber als wir am Ausgang zum Stehen kamen, war die Cheyenne schon draußen und tänzelte neben ihrem Menschen in Richtung Stall. ‘Die kriegt jetzt Futter und wir nicht’, so ging es wohl durch einige Stutenköpfe. Wenig später wurde wieder eine geholt. Diesmal die Rikarda. Als sie nicht mehr zu sehen war, machte die große, dicke Agenda eine Entdeckung. Das Tor war nicht versperrt wie sonst. Nur solch ein Strick hing über dem Pfosten, mit dem es angelehnt blieb. Agenda fackelte nicht lange, sie hatte Hunger. Strick ins Maul, hochgeschleudert und auf tat sich das Tor! Och, großes Staunen! Einen Moment standen wir allesamt wie erstarrt. Aber dann . . . Agenda trabte los, ein zwei andere hinterher, und so ging es weiter, bis sich die ganze Stutenherde eiligst auf dem Weg zum Stall befand. Natürlich bald nicht mehr im Trabe, sondern im Galopp! Das hörte sich irre an auf dem Asphalt und machte uns richtig verrückt. Ein wildes Durcheinander! Mehrere liefen nicht in ihren Stall, sondern machten sich über die dahinter liegenden Wiesen her, andere waren total kopflos und liefen wie aufgeschreckte Hennen mal hier, mal dort hin, dabei laut wiehernd. Die Klügsten und Erfahrensten fanden natürlich ihren Eingang und landeten auf der richtigen Stallgasse. Zu denen zählte ich selbstredend. Die anderen, die das nicht geregelt kriegten, fing Hubertus und ein paar andere Zweibeiner ein und so landeten sie schließlich auch in ihren Boxen. Eine halbe Stunde, nachdem das alles geschehen war, tauchte SIE auf. Ich wieherte ihr zu wie immer, nur mit einem kleinen Zusatz: “Hey, uns hättest Du sehen müssen!” Aber sie verstand mich nicht. Es kam aber gleich jemand, der ihr das alles in ihrer Sprache erzählte. Da hat sie mich aus der Box geholt, alle meine Beine genau beguckt und schließlich gesagt: “Na, da hattest Du ja genug Bewegung, was?” “Klar,” schnaubte ich, denn ich verstehe sie fast immer, “Habe ich dann frei?” Und - oh Wunder - sie antwortete: “Wirst heut’ nicht geritten, Stütchen.”